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Georg Salter

Buchdesigner in Berlin, 1922 - 1934

 


Rara und Rarissima. Das Beispiel Hans Keilson

Veröffentlicht am 05.09.2014

"Dienstag das Manuskript von Hans Keilson gelesen [Das Leben geht weiter]", notierte Oskar Loerke, Lektor beim S. Fischer Verlag, für den 6. Dezember 1932 in sein Tagebuch. "Mit sympathischem Eindruck: ich will es empfehlen." Und zum 3. Januar 1933 liest man: "Dienstag war der junge Keilson bei mir. Bis in die Nachmittagsdämmerung hinein an seinem Buche gearbeitet. Auf Kürzungen gedrungen. K. ist ein Sportlehrer, Medizinstudent im 10. Semester, Musikant auf Trompete, Geige, Harmonika. Imponierend, wie sich junge Leute dieser Art durchschlagen."  Hans Keilson (1909-2011) war zu dieser Zeit 23 Jahre alt. Als sein erster Roman im März 1933 als vorläufig letztes Debüt eines jüdischen Autors bei S. Fischer erschien, stand er nicht lange danach auf der Verbotsliste der Nationalsozialisten. Dass das Buch noch vor dem Druck verboten worden sei, ist falsch.

Andererseits darf als gewiss gelten, dass von der recht kleinen Erstauflage (1.-3. Tsd.) tatsächlich nur ein geringer Teil in den Handel oder gar in die Hände von Kunden gelangte. Der Umschlag für "Das Leben geht weiter" zählt daher heute zu den seltensten der generell seltenen Original-Schutzumschläge Georg Salters. Hans Keilsons Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Der Roman wie sein Autor wurden in Deutschland erst gegen Ende seines Lebens entdeckt und angemessen gewürdigt. Ebenso wenig erfolgreich waren die auf der Umschlagrückseite von Keilsons Buch beworbenen drei anderen Romane aus dem Frühjahrsprogramm 1933 des S. Fischer Verlags.

 

Erstausgabe 1933. Salter ist im Druckvermerk genannt, die übliche Signatur auf dem Umschlag fehlt dagegenErstausgabe 1933. Salter ist im Druckvermerk genannt, die übliche Signatur auf dem Umschlag fehlt dagegen

Umschlagrückseite mit Werbung für Richard Huelsenbeck, Otto Karsten und Wolf ZuckerUmschlagrückseite mit Werbung für Richard Huelsenbeck, Otto Karsten und Wolf ZuckerWarum sind Original-Schutzumschläge Georg Salters aus der Berliner Schaffensperiode so selten?

Erstens galten Schutzumschläge lange weniger als Bestandteil des Buches denn als Werbemittel und Transportverpackung, vergleichbar der heutigen Klarsichtfolie. Folglich wurden die Umschläge meist schon kurz nach dem Kauf entfernt. Broschierte bzw. kartonierte Exemplare, die Umschlag und Einband untrennbar verbinden, sind deshalb heute vergleichsweise häufiger erhalten als gebundene Bücher mit losem Schutzumschlag. Auffallend oft findet man unter den überlieferten Exemplaren mit Schutzumschlag Besprechungsexemplare. Solche (unbenutzten) Gratisstücke sowie andere, offensichtlich ungelesenen Bücher - vielleicht unwillkommene Geschenke - blieben auch hinsichtlich der Schutzumschläge eher unangetastet. Die weitverbreitete Mißachtung des Schutzumschlags galt übrigens bis in die 1960er Jahre. "Auch künstlerische oder künstlerisch ambitionierte Papierhüllen überstehen nur selten die erste Lektüre", konstatierte etwa Gottfried Sello am Beispiel von Günter Grass' selbst gestaltetem Umschlag zu den "Hundejahren" (DIE ZEIT, 11.10.1963 Nr. 41). "In der Wohnung, in der Intimsphäre, in der eigenen Bibliothek sind sie unerwünscht, zu bunt, zu reißerisch, außerdem sind sie nach kurzem Gebrauch unansehnlich. Wer sich für den literarischen Inhalt interessiert, nimmt höchstens an der schlechten Verpackung Anstoß, die gute bemerkt er nicht."
Zweitens arbeitete Georg Salter hauptsächlich für Literaturverlage mit zahlreichen, nach 1933 verbotenen und verfolgten AutorInnen. Von der nationalsozialistischen Literaturpolitik waren zum Beispiel bei Gustav Kiepenheuer schon bald rund 75% der Verlagsproduktion betroffen. In der Folge wurden viele, teils sehr große Restauflagen als unverkäuflich vernichtet, hinzu kamen "Säuberungen" von Büchersammlungen in öffentlichen Einrichtungen und durch private Buchbesitzer.
Drittens verursachten der Luftkrieg und andere Folgen des Zweiten Weltkriegs weitere erhebliche Verluste. So gingen etwa beim schweren Angriff auf das Leipziger graphische Viertel am 4. Dezember 1943 allein beim Reclam-Verlag 450 Tonnen Bücher verloren. Bis 1945 wurden in Berlin über 30.000 Wohnungen vollständig zerstört, in einigen anderen deutschen Großstädten, z.B. Hamburg, waren es noch mehr.
Seit Jürgen Holsteins Publikation über die Bucheinbände und Schutzumschläge aus der Berliner Zeit (2003) sind Georg Salters Schutzumschläge gefragt wie nie. Das macht sie freilich kaum zahlreicher, sondern hauptsächlich teurer. Ein wirklich vollständiges Verzeichnis von Salters Arbeiten wird helfen zu zeigen, welches die besonders seltenen Stücke sind.
"Das Leben geht weiter". In einem gewissem Sinn steht der Buchtitel in einer Reihe von S. Fischer-Titeln des Jahres 1933, die jeweils als subtile Kritik an der sich entfaltenden NS-Ideologie gedeutet werden könnten: "Der Traum vom großen Glück" (Huelsenbeck), "Lügen über Russland" (O'Flaherty), "Blick vorwärts. Das Programm einer nationalen und sozialen Revolution. Das amerikanische Programm zur Lösung der Weltprobleme" (Roosevelt). Dass der Verlag bewusst diese Absicht verfolgte, ist unwahrscheinlich. Sicher ist dagegen, dass keines der genannten Bücher NS-Funktionären gefiel. 1945 sollte kurioserweise der letzte Film des "Dritten Reiches" wie Keilsons Romantitel heißen. Der prominent besetzte Propagandafilm über eine Zehlendorfer Hausgemeinschaft zur Zeit der Bombenangriffe auf Berlin im Jahr 1943 gelangte nicht mehr in die Kinos.